Nach dem Abendessen gingen wir in die an das Restaurant angeschlossene Bar und teilten uns eine sehr gelbe und sehr süße Fanta, von der wir erst neuerdings erfuhren, sie sei Passionfruit-Fanta. Wir waren die einzigen Mzungus, d.h. Bleichgesichter, auch wenn Richa bestreitet, hierzuzugehören, und bald machten wir die Bekanntschaft eines dortigen Kellners, dessen Name bedeutsamerweise German lautete. Er ist ein Mittzwanziger Kenyaner, der bereits seit einigen Jahren in Bagamoyo lebt und hier als Kellner sein Brot verdient. Wir verbrachten den ganzen Abend damit, uns mit ihm über dies und das zu unterhalten und am Ende des Abends lud er uns ein, am kommenden Tage, seine Freundin Asma und ihr gemeinsames dreijähriges Kind Hamisi zu besuchen, die in einem nur zehn Minuten entfernten Dorf wohnten, wobei es –wie sich später herausstellte– um einen zwanzigminütigen Spaziergang handelt, wenn man mit dem örtlichen Bagamoyo-Schritt läuft.Wir akzpetierten. Bevor wir uns am kommenden Morgen jedoch mit German trafen, der den Weg zu Asmas Haus weisen sollte, entschieden wir, in einer der kleinen, von Locals besuchten Snackbars in der Nähe des Neuen Markts Frühstück zu essen. Und dies erwies sich als sehr gute Entscheidung. Seit unserer Ankunft in Tansania waren wir sehr epicht darauf, das traditionelle Frühstück auszuprobieren, von dem wir viel in unseren Reiseführern gelesen hatten. Dieses besteht vor allem aus Uji – einem zähflüssigen, weißen Maisbrei, der mit Zucker gesüßt wird –, Chai – einem aromatischen Gewürztee –, gezuckerter, warmer Milch und Chapati – in der Pfanne gebackenen, dünnen Fladenbroten mit viel Pflanzenöl. Alternativ hierzu kann auch eine Fisch- oder eine süße Bohnensuppe gegessen werden.

All dies fanden wir in einem kleinen Imbiss am Neuen Markt, der aus einem Raum, der schätzungsweise viereinhalb Meter tief und zweieinhalb Meter breit war, bestand. Der Raum war an der Stirnseite offen und ging auf die Straße hinaus. Auf dem mit Wellblech überdeckten Teil des als Bürgersteig zu bezeichnenden Streifens Beton vor dem Haus standen mehrere kleine Kohleöfen, auf denen verschiedene Töpfe und Pfannen mit den zu servierenden Delikatessen kochten und brieten. Im Raum, dessen Wände mit hellblauen Kacheln bedeckt waren, standen auf dem grauen Betonboden in zwei Reihen einfache Holztische mit je zwei niedrigen Holzbänken zu beiden Seiten der Tische, die längs im Saal dessen gesamte Tiefe ausmaßen. Hier setzten wir uns und bestellten Chai, Uji und Chapati. Alles war vorzüglich, kostete uns 900 Tsh (Tansanische Schilling ≈ 0,70 €) und die Gesellschaft war umsonst. Auf der Bank gegenüber aßen drei Massai-Krieger in traditioneller Kleidung, dem Hirtenstock und ihrer deutlich von den anderen Stämmen unterscheidbaren Physiognomie ihre morgendliche Fischsuppe. Angehörige der Massaistämme sind weit größer als andere Volksstämmige, haben einen sehr länglichen Kopf, oft mit einem deutlich hervortretenden Stirnknochen. Außerdem tragen sie in den Ohrläppchen große Schmuckstücke, an den Armen, Füßen und am Hals perlenartige Ketten und sind im Űbrigen in rote oder purpurfarbene Stoffkutten gekleidet.

Außerdem waren zwei Jugendliche mit schwarzen Basecaps, zwei ältere Herren mit muslimischen Kopfbedeckungen und ein bis zwei Arbeiter in dem gastromomischen und szenischen Kleinod.

Hiernach trafen wir uns mit German und liefen zusammen zum Hause Asmas und ihrer Familie. Nachdem wir dort eingetroffen, unheimlich gut erneut Ugali und Samaki gegessen und mit Asmas Familie gequatscht hatten, so gut deren beschränkte Englischkenntnisse und unsere mehr als beschränkten Suahelikenntnisse es zuließen, kam es irgendwie dazu, dass wir eingeladen wurden, für den Rest unseres Aufenthaltes in Bagamoyo in deren Haus zu wohnen. Und hierauf folgten fünf beeindruckende und unglaublich interessante Tage im Haus von Asmas Familie, die aus ihrem Vater, der ein Richter oder hoher politischer Beamter in Bagamoyo ist, ihrer extrem netten und gastfreundlichen Mutter, einem ihrer zwei Brüder – der ältere Bruder ist Hotelmanager in Dar –, ihrer kleinen Schwester Dera und dem kleinen Baby Hamisi besteht.

Hamisi war der einizige, der eine spontane Abneigung gegen uns entwickelte und in Weinkrämpfe ausbrach, wenn er uns sah. Er war auch nicht durch das würdeloseste Grimassenschneiden, Pfeifen, Verstecken spielen oder anderen Aktivitäten zu gewinnen, die uns die ungeteilte Zuneigung von Kleinkindern auf dem ganzen Globus gesichert hat.

Im Hause Asmas wurde uns nach dem Aufwachen Frühstück serviert, obwohl wir in unserem besten Suahli mehrfach darauf bestanden hatten, nicht extra für uns Essen zuzubereiten, während der Rest der Familie wegen Ramadan fastete. Danach gingen wir mit German, um die Stadt zu „checki“ oder rafiki (Freunde) zu „checki“ oder einfach nur um rumzulaufen.

Einfach nur herumzulaufen konnte dabei für zwei Nicht-Afrikaner von besonderem Zauber und Vernügen sein! Insbesondere wenn wir auf unserem Weg zu unserem Abendessen, das wir allabendlich bei Germans Bruder Juma zu Hause einnahmen, durch die Dörfer gingen und das letzte, gelbe Sonnenlicht, das langsam dem Ergrauen der Dämmerung wich, die traditionellen Lehmhütten und Palmzäune mit den sie umgebenden Bananen-, Papaya- und Mangobäumen in seinem warmen, freundlichen Licht erleuchtete. Die Stimmung war durch eine Ruhe geprägt, in der Familien am Ende des Tages nach getaner Arbeit nach Hause zurückkehren. Insbesondere Muslime konnten sich nun auf den ersten süßen Tee seit den frühen Morgenstunden freuen –denn es war ja Ramadan – und bald darauf auf ihre erste richtige Mahlzeit des Tages.

Die Luft war erfüllt vom Geruch von Kohleherden, die in jedem Haus und Hof stehen und im Privaten wie in Restaurants zum Kochen verwendet werden. Es ist ein eindeutiger, holzartiger Geruch, dem eine gewisse Gemütlichkeit innewohnt. Und er passt so gut in diese stille, ruhige, abendliche Stimmung, durch die wir zu Fuß glitten wie durch einen Film.

Juma ist Fischer und wohnt mit seiner (Beinahe)Ehefrau Mama Bakari in einer kleinen, einräumigen Hütte. Dort aßen wir jeden Abend mit German und Juma von einem gemeinsamen Teller mit der Hand, nachdem wir Bismillah gesagt und unsere Hände mit einem Krug über einer Schüssel gewaschen hatten, Ugali oder Manioc oder Kokusnussreis mit frischem Fisch aus Jumas Fang (!), alles aufs Leckerste zubereitet von Mama Bakari.

Das sehr reichhaltige und stets äußert schmackhaft Abendessen war gefolgt von Stunden des Quatschens mit Juma und German, die uns interessante Einblicke in die tansanische Politik und Kultur vermittelten. So erfuhren wir unter anderem, was die sozialistischen Politiken von Nyerere und Kikwete für die tatsächliche Praktikabilität von Preisen bedeutete, und was ein Junge tun muss, der ein Mädchen heiraten will. In diesem Fall muss er nämlich einen Brief an den Vater schicken, der sein Begehren und Tsh 10.000 (ca. 6 EUR) enthält. Dann fragt der Vater das Mädchen, ob es den Freienden wolle. Falls die Antwort ja ist und auch der Vater keine prinzpiellen Einwände hat, trägt erst er, dann die Mutter, dann die Zuvermählende, dann die Brüder, dann die Großeltern in eine Liste, welchen Geldbetrag sie für die Freigabe des Mädchens erhalten möchten. Dieses Geld (und das Geld für die Hochzeitsfeierlichkeiten) sind sodann vom Bräutigam zu erbringen!

Unser vorher beinahe inexistentes Suaheli wuchs um ein Vielfaches während dieser Unterhaltungen. An einigen Abenden gab sich Richa als „gute indische Frau“ und lernte von Mama Bakari wir man Kokusnussreis kocht und half ihr beim Abwasch. Mama Bakari und Juma stellten, da sind wir uns einig, das Highlight unser Zeit in Bagamoyo dar. Ein Paar, das einfacher, liebenswürdiger, mit beiden Beinen auf der Erde stehender, großzügiger und gastfreundlicher ist, ist schwer zu finden.

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