Zurück in Arusha hatten wir nur wenige Tage, in denen wir uns von unseren Usambara Abenteuern erholten, weitere Angebote für Berg- und Safaritouren einholten und endlich waren wir bereit für die groβe Besteigung des KILIMANDSCHARO ! ! !

Nachdem wir alle möglichen Routen und Arten, den höchsten Berg Afrikas zu erklimmen, eruiert und abgewogen hatten, entschieden wir uns für die Marangu-Route, die im gleichnamigen Dorf ihren Ausgangspunkt hat. Auf dieser Strecke benötigt man im Allgemeinen fünf Tage bis zum Gipfel, wobei man einen extra Akklimatisierungstag einlegen kann, der wegen der extremen Höhe von insgesamt beinahe 6000 m über Normalnull angeraten wird. Die Gipfelregion erreicht man sodann am Gillman’s point, woran sich eine 1-2 stündige Wanderung am Kraterrand, den der Kilimandscharo ist ein Vulkan, anschlieβt, die im wahrsten Sinne des Wortes im höchsten Punkt gipfelt: Uhuru Peak!

Die Marangu-Strecke ist die am häufigsten gewählte Route und hat den Beinamen Coca Cola-Strecke erhalten. Nachdem sämtliche Reiseführer, Brochüren von Reisebüros, offizielle Kilimandscharo-Literatur und eigentlich alles, das je über Kili geschrieben wurde, mit den Erfahrungen von Tag 1 beginnt und bis Tag 6 etappenweise voranschreitet, stellte sich die Frage, wer wären wir, hiervon abzuweichen....



TAG 1:

Das Auto unserer Tour- Agentur war für 7 Uhr morgens bestellt, um uns abzuholen und so waren wir auch schon um 7.20 Uhr fertig, los zu gehen und und wirklich um 7.30 Uhr stand der Wagen bei uns vor der Tür. Mit hüpfenden Herzen und unserem Rucksack, in den wir alles gepackt hatte, was uns für eine Abenteuertour in den Bergen als nützlich erschien, insbesondere alles, was uns warm halten konnte wie Pullover, Jacken, Handschuhe, Wollmützen, Socken, Handwärmer und Rettungsdecken und was uns stark machen sollte wie Bananen, Grenadinen, Schokolade, Kekse, karamellisierte Erdnussschnitten, Nüsse und Elektrolytlösungen. Gut ausgerüstet gingen wir sodann an die gröβte physische Herausforderung, die wir je bewältigt hatten.

Nach einem kurzen Halt bei unserer Agentur, bei dem wir Raymond, unseren Bergführer, Richardi, unseren Koch, Bryson, einen Träger und Assistenzführer und Aby, einen weiteren Träger, einluden, erreichten wir das Dorf Marangu am Fuβe des Kilimandscharo um 11 Uhr. Nachdem wir weitere zwei Träger im angeheuert hatten und unsere Equipage damit auf vier Träger, einen Koch und einen Bergführer angewachsen war, brachen wir zu Fuβ durch das Marangu-Tor zur Besteigung des vor- und über uns liegenden Berges auf. Unser erster Tagesabschnitt führte uns auf gut 8 km, die wir in dreieinhalb Stunden inklusive einer halben Stunde Mittagspause bewältigten, durch dichten Regenwald zur ersten Schutzhütte, der Mandara Hut. Obwohl der Wald, durch den wir wanderten nicht so wild und nicht von der gleichen Höhe und enormen Gröβe wie derjenige in Shagayu war, so ist der Regenwald um den Sockel des Kilimandscharo doch von ganz besonderer Schönheit. Er ist dicht und die Bäume, deren Äste sich in wildem und doch harmonischem Kreuz und Quer in unzähligen Biegungen durch das Grün ihrer und anderer Planzen Blätter schlängeln, sind umgeben, ja umwuchert von dicken, zottigen, bartartigen Moosen, die lang herunter hängen und einen magischen oder verzauberten Eindruck vermitteln. Kletter- und Schlingpflanzen weben ihre Netze in, von und zwischen den Bäumen und Lianen hängen zu hunderten aus den Baumkronen, in denen man jeden Augenblick Tarzan zu erblicken glaubt.

Zur Rechten unseres Weges wurden wir begleitet von einem fröhlich gluckernden Bergbach, der sich in kleineren Wasserfällen und an umspülten Baumwurzeln und Felssteinen etwas deutlicher bemerkbar machte. Eine dicke Schicht aus abgestorbenen Blättern bedeckte den feuchten Waldboden und dunkle Höhlen in toten Baumstümpfen und Ästen säumten helle Lichtungen und unseren Weg.

Wir hatten eine harte und anstrengende Wanderung erwartet und erlebten an diesem ersten Tag nur einen zauberhaften Spaziergang durch einen magischen Regenwald. Gegen 16 Uhr erreichten wir die Mandara-Hütte, brachten unser Gepäck in unsere kleine Hütte, in der vier Kojen mit einfach Matratzen bereit standen und verglichen die ersten Reisestrapazen mit unseren Hütten-Mitbewohnern Aurea und Xavi aus Andorra. Sodann war ‘Chai’ ‘tayaari’(fertig), heiβer Tee, der in der mild-winterlichen Atmotsphäre auf 2774 über Normalnull, die wir bisher erreicht hatten, sehr willkommen war. Dazu wurden ein paar Kekse und frisches Popkorn gereicht.

Schon wenig später wurde Abendessen serviert, das um 19.30 Uhr beendet war; eine halbe Stunde darauf lagen wir in unseren Schlafsäcken und keine Stunde später ruhten wir in unserer ersten Tiefschlafphase. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen hatten wir um 23 Uhr und 2 Uhr Pinkelpausen, was bei einer täglichen Wasserzufuhr von vier Litern unvermeidlich ist und im Übrigen Gelegenheit gibt, den phantastischen Sternenhimmel zu bewundern. Das hohe Flüssigkeitsquantum ist dadurch bedingt, dass dies ein wesentliches Mittel zur Vorbeugung der Höhenkrankreit ist, einem Leiden von dem wir beide erst zu dieser Gelegenheit erfahren haben und das mit schreienden Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall und im schlimmsten Fall mit blutender Nase, Ohren und was sonst nocht verbunden sein kann. Neben der physischen Herausforderung, den 5895 m Berg zu erklimmen, stellt die Höhenkrankheit den Hauptgrund dafür dar, dass Wanderer den Gipfel nicht erreichen. Statistisch gesehen schaffen es sogar nur zwanzig Prozent derjenigen, die zu dieser Unternehmung aufbrechen!

TAG 2:

Nachdem wir am um 6 Uhr früh aufgewacht waren und bis 7 Uhr leise in unseren Schlafkojen gelegen hatten, um Aurea und Xavi nicht vor der abgesprochenen Aufstehenszeit zu wecken, hatten wir Frühstück und waren schon um 8 Uhr auf unserem Weg nach oben. Diese Tagesetappe war schon ein wenig anstrengender als der vorangegangene Tag und brachte uns über 15 km zunächst durch dünnen Bergwald, der bald in eine Moor- und Heidelandschaft und letztlich in karge alpine Vegatation über ging.

Bei einem kurzen Halt aβen wir leckere Brote, Hähnchenkeule, Orange, Banane und gekochte Eier, die wir mit einem Päckchen Mangosaft hinunter spülten. Der weitere Weg war von einem guten Dutzend Trink- und den denklogisch folgenden Pinkelpausen unterbrochen und endete um 15 Uhr auf 3720 m an der Horombo Schutzhütte. Die ganze Atmosphäre in Horombo unterschied sich von derjenigen 1000 m weiter unten; sie war mehr vom Geiste der hohen Bergbesteigung durchdrungen, nachdem hier keine Tagestouristen mehr waren, die Schwächsten bereits ausgelesen waren und ein Teil der Leute sich bereits für die nächste Etappe zur Kibo Schutzhütte vorbereiten, deren Erreichung flieβend in den heiβ-erwarteten und auch arg-gefürchteten Gipfeltag (Summit Day) überging. Andere Wanderer, wie wir, absolvierten hier den Aklimatisierungstag und Horombo ist auch der Punkt, an den Bergsteiger nach der erfolgreichen Erklimmung des Gipfels stolz zurückkehren oder besiegt und krank Ruhe nach der Gipfelnacht suchen. Gelegen auf einem Plateau mit steilen Hängen an drei Seiten, einer fluffigen Wolkenschicht direkt unter uns und den ausgedehnten Ebenen 3000 m unter der Hütte. Die Horombo Schutzhütte ist wohl der schönste der Übernachtungsplätze und wir waren froh, an diesem schönen Ort zwei Tage verbringen zu können.

Kurz nach unserer Ankunft gab es denn obligatorischen Chai, gefolgt von einem leckeren und sehr umfangreichen Abendessen. Abgesehen vom Gipfeltag hatten wir jeden Tag ein Drei-Gänge-Menü, das aus Suppe und Brot, Nudeln oder Reis mit Fleisch und Gemüsesoβe und Frucht zum Dessert bestand. Zusammen mit dem gesunden Essen, täglich 8-10 Stunden Wandern (auβer am Gipfeltag) und ungefähr zehn Stunden Schlaf jede Nacht sollte jede Person am Ende der Unternehmung vor Gesundheit strotzen – vorausgesetzt sie überlebt den Gipfeltag! Noch eine Anmerkung zum Essen: Wir überessen uns bei den Mahlzeiten regelmäβig. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass wir das Gefühl hatten, die Nahrung wandele sich unmittelbar in Kraft und Energie um. Mit jedem Bissen esse man sich praktisch einen Schritt den Berg hinauf!

Wie am Vorabend waren wir wieder sehr früh im Bett und konnten wegen der Eiseskälte nicht gleich Schlaf finden. Daniel versichert, dass seine Zehen irgendwann in der Nacht warm waren, während Richa diese positive Einschätzung nicht machen kann und die nächtlichen Stunden mit Eis-Zehen verbrachte.

TAG 3:

Der so genannte Akklimatisierungstag, oder der Tag, an dem diejenigen die willens und in der Lage sind, einen Extratag auf dem Berg zu verbringen und in Horombo bleiben, von wo aus sie eine kurze dreistündige Wanderung zu einer interessanten Felsformation, dem Zebra-Fels auf 4.100 m oder noch höher zur Mawenzi-Hütte am Fuβe des Mawenzi-Gipfels des Kilimandscharos unternehmen können, wenn sie noch abenteurlustiger und weniger ausgelastet sind oder einen gröβeren Bedarf nach Akklimatisierung haben. Allgemein dient dieser Tag auch dazu, sich von den Stapazen der vorangegangenen zwei Etappen zu erholen und neue Kräfte für den Endspurt zu sammeln. Wir liefen bis zum Zebra-Felsen und nachdem auβer ein wenig Kopfschmerzen bei Richa und leichter Übelkeit bei Daniel keine Zeichen der Höhenkrankheit auftraten, gratulierte uns unser Bergführer zu unserer Bergfestigkeit und versicherte uns, unsere Chancen im weiteren Verlauf der Besteigung, jedenfalls bis zum letzten Tage, zu erkranken seien sehr gering und brachte uns zum warmen und gebratenen Mittagessens ins Camp zurück. Die Übelkeit, die aus der Höhe resultier, ist von ganz eigener Art. Bei Daniel wirkte sie sich so aus, dass der Magen vollkommen in Ordnung, ja sogar guter Dinge war. Aber in der Mandelgegend, dicht unter dem Kiefer war eine Stimme, ein Gefühl, eine Empfindung, die es vormals weder dort noch andernorts gegeben hatte, die suggerierte: „Du könntest Dich jetzt übergeben!“. Sehr eigenartig!

Wir verbrachten einen gemütlichen Nachmittag damit, mit Mitwandernden zu quatschen und uns über Reiserouten, -pläne und –schicksale auszutauschen, unsere Reisetagebücher auf den neuesten Stand zu bringen und zu Richas groβem Vergnügen waren 75 Prozent der Kletterer deutschsprachige Schweizer, mit denen sie Deutsch reden und vorgeben konnte, ihr Switzer Deutsch zu verstehen.

Nach einem frühen Abendessen gingen wir erneut zeitig zu Bett. Und da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.

TAG 4:

Und hier war es, wo die Herausforderung begann! Wir standen früh auf, hatten ein gutes Frühstück und ware schon um 7.15 Uhr auf unserem Weg nach oben – nur 15 min später als geplant - und begannen unseren 15 km langen Marsch zur letzten Hütte vor dem Gipfel, der Kibo-Schutzhütte. Obgleich die Distanz nicht viel weiter war als diejenige zwischen Mandara und Horombo, war diese Wegstrecke wegen der etwas steileren Abschnitte und vor allem wegen der in der Höhe über 4000 m erheblich dünneren Luft, die jede Anstrengung verdoppelte. Die Landschaft erfuhr auf unserem Weg eine weitere erhebliche Veränderung. Die alpine Busch-Vegetation dünnte aus und wir betraten eine wüstengleiche Steinumgebung, die auch auf dem Planeten Mars nicht verwundert hätte. Rote und graue Felsklumpen und vereinzelte Steine lagen verstreut auf einer pflanzenlosen roten und grauen Kies-Sand-Schicht, hier und da erhoben sich schmuck-, schnörkel- und leblose Hügel und Berge rechts und links des Weges. Die eintönigen Farben, die dünne Luft, die gleiβende, heiβe Sonne und der gleichzeitig wehende kalte Wind lieβen in uns das Gefühl wachsen, wir machten einen Nachmittagsspaziergang auf einer Mondebene. Aber wir lagen gut in der Zeit - trotz des stetigen polepole (d. h. sehr, sehr langsam) Gehens. Denn von Tag 1 an gingen wir beständig mit einem an Tip-top-Schritte erinnernden Tempo voran, das Daniel von keiner Bergwanderung gewöhnt war. Aber dieser Berg war auch bei Weitem höher als alles bisher erkommene und je langsamer man gin, deso besser sollte die Akklimatisierung an die Höhe sein, weshalb polepole wahrscheinlich das meistgebrauchte Wort des Kilimandscharo und der einizige Rat war, den wir für die erfolgreiche Gipfelersteigung erhalten hatten.

Langsam aber sicher, also polepole, erreichten wir um 13 Uhr die Kibo-Schutzhütte auf nunmehr schon 4703 m am Fuβe des Kibo-Gipfels. Hierbei ist eine kurze Erläuterung der Namen und Örtlichkeiten angebracht. Der Kilimandscharo ist ein freistehender Berg, der keiner Bergkette und keinem Massiv angehört und damit der höchste freistehende Vulkan der Welt ist (auβerdem die fünfhöchste Erhebung der Welt und der höchste Gipfel, den man ohne technische Ausrüstung, insbesondere Sauerstoff (!) besteigen kann). Der ganze „Berg“ bestehe aus zwei Gipfeln: dem Mawenzi- und dem Kibo-Gipfel. Kibo ist der höhre. Der Gipfel vom Kibo ist eine Art schräges Plateau, dessen höchster Punkt und Ziel aller Gipfelbesteigungen die Uhuru-Bergspitze ist. Auβerdem gibt es zwei Punkte, an denen verschiedene Routen das Plateau erreichen, Gilman’s Point für unsere Marangu-Strecke und Stella’s Point für die Machame-Strecke.

Anders als die anderen Hütten, die aus einer Ansammlung von 10-15 kleineren, gibelzeltförmigen Häuschen bestanden, von denen jedes vier Wanderer beherbergen konnte, bestand die Kibohütte aus einer einzigen groβen Hütte mit Schlafsälen für zwölf Personen. Das bedeutete, das man mit dem Schnarchen und Umher-Wälzen von 11 weiteren Personen, und der für die meisten einsetzenden Schlaflosigkeit aufgrund der dünnen, dünnen Luft, der Höhe und damit verbunden für die meisten hämmernden Kopfschmerzen und speiender Übelkeit, die die meisten hier befällt. Berücksichtigt man ferner, dass es um 18.30 Uhr ins Bett geht und um 22.45 Uhr – ich füge klarstellend hinzu: desselben Tages! – der Weckappell in den Zimmern erschallte, ist es beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Wenige hier viel zum Schlafen kommen, bevor es an die Gipfelerklimmung geht.

Nachdem wir unsere Schlafnischen gewählt und unser Gepäck abgelegt hatten, machten wir uns an eine kurze Akklimatisierungs-Tour, bei der wir auf rund 4.850 m kletterten, bevor wir gegen 17 Uhr zur Hütte zurück kehrten. Nach einer Suppe, Brot und Nudeln, die wir trotz des geringer werdenden Appetits hinunter brachten, entzündeten wir ein paar Kerzen zu Diwali, einem der wichtigsten und gröβten Feiertage und Feste in Indien und waren um 18 Uhr im Bett. Richa hatte leichtes Kopfweh und –drücken und Daniel fühlte erstmal richtige Übelkeit und hatte für eine Stunde starke Kopfschmerzen. Nach deren Abklingen waren wir jedoch beide für den Rest der Besteigung von Kopfschmerzen verschont, was nicht viele Wanderer von sich behaupten können. Trotz dieser Beschwerden, der schnarchenden schweitzer Kletterer neben uns schafften wir es 2-3 Stunden zu schlafen. Nachdem die erste Gruppe von Wanderern um 22.30 Uhr aufstand und Tee und Kekse serviert bekam, war in wenigen Minuten auch auch für den Rest des Saales jeder Gedanke an weiteres Ruhen oder Schlafen vorbei und es ging an die letzten Vorbereitungen. Zunächst legten wir unsere sämtliche Kleidung an, die wir mitgebracht hatten, was gegen die -15° C auf dem Gipfel und den eisigen Wind schützen sollte. Daniels Oberkörper war von sieben, Richas von sechs (gleichwohl dickeren) Schichten umgeben, lange Unterhosen, mehrere Paar Socken, Handschuhe, Kopftuch, darüber Wollmütze und Jackenkapuze wollten angelegt werden und die Stirnlampe auf dem Kopf befestigt werden, bevor wir mit unseren Wanderstöcken, unserem Bergführer Raymond und dessen Assistenten Bryson im Mitternacht aufbrachen. Die Atmosphäre hatte etwas vom Aufbruch in eine groβe Schlacht und man wusste nicht, welcher der Recken es schaffen und wer auf dem Feld der Ehre (oder des Berges) zurück bleiben würde. Heiβen, süβen Tee und ein paar trockene Kekse brachten wir gegen unseren Willen, aber von Vernunft geleitet hinunter, und dann ging es endlich los!

TAG :

Um Mitternacht brachen wir auf, um in einem ersten Kraftakt sechs Stunden lang den Steilen Kieshang Schritt für Schritt bis zum Gilman’s Point auf 5685 m emporzusteigen, dann zwei Stunden am Kraterrand aufwärts bis zur fulminanten Uhuruspitze auf 5895 m zu wandern und weitere vier Stunden den gleichen Weg zur Kibo-Hütte zurück zu legen. Der Wind war schon zu Beginn sehr kalt, aber nicht so kalt, wie er es noch werden sollte. Wir liefen im Entenmarsch, in einer Reihe durch die dunkle Nacht. Voran Raymond, dann Richa, dann Daniel und am Ende Bryson, dessen Aufgabe vordergründig darin bestand, denjenigen von uns, der als erster aufgeben würde, sicher nach unten zu geleiten, während der andere weiter mit dem Berg kämpfen würde.

Man sah nur den kleinen Lichtkegel, den die Stirnlampe vor unsere Füβe warf und vor und hinter uns konnte man andere Bergerklimmer an den sichtbaren Lichterketten erkennen, die sich auf den verschiedenen Höhen des Steilhanges entlang schlängelten. Man hatte den Eindruck als bewegten sich Kolonnen von kleinen Zwergen mit ihren Laternen zur Mine. Auβer das niemand Lieder von Gold sang – jedermann war damit beschäftigt, den Atem für die kommende körperliche Arbeit aufzusparen, die Lungen voll mit der dünnen Luft zu bekommen, so eingewickelt wie möglich der Kälte so gut es ging zu widerstehen und schön einen Schritt vor den anderen zu setzen. Und von Zeit zu Zeit kamen uns kreidebleiche Menschen entgegen, die entkräftet von Bergführern gestützt wurden und ihren Weg nach unten bereits vor der Erreichung des Gipfels angetreten hatten.

Die folgenden Stunden sind schwer zu beschreiben. Schritt für Schritt, polepole, hoch und höher auf endlosen Zigzag-Pfaden aus Kies, vorwärts und vorwärts mit den Beinen und Füβen, die erschöpft waren, der Rücken schmerzte und Richa hatte sehr bald schon jegliches Gefühl in ihren Händen und Füβen verloren und wusste nur, dass sie noch existierten, weil sie unsagbar schmerzten. Daniel kämpfte unterdessen mit fast übermannender Übelkeit infolge der Höhenkrankheit, die in unglaubliche Erschöpfung und Mattigkeit überging. Wir beide waren am kämpfen mit der muskulären Anspannung und der geringen Menge Sauerstoff, die uns zur Bewegung zur Verfügung stand.

Stunde um Stunde erkommen wir langsam, Schritt für Schritt den Hang und endlich war ein Ende des Kiesuntergrunds erreicht. Aber die anfängliche Freude war noch etwas verfrüht, denn das Ende des Kieses bedeutete den Anfang der Felsen. Diese mussten im Dunkeln und der deutlicher werdenden Morgendämmerung auf allen Vieren erstiegen und im wahrsten Sinne des Wortes erklettert werden. Weiter und weiter bis wir tief davon überzeugt waren, dass jeder weitere Schritt jenseits des Menschenmöglichen liegen müsse. Und dann, plötzlich, lugten unsere Häupter über einen Felsvorsprung und wir sahen die kleine Gedenktafel: Herzlichen Glückwunsch! Sie haben Gilman’s Point (5685 m) erreicht!“ Der Krater im Inneren des Kilimandscharo lag nur im Halblicht vor und unter uns als marsartige Landschaft mit tief-grauem Boden und verstreuten Eisblöcken. Im Dämmerlicht nicht weit über uns thronend prangte die berühmten Gletscher vom Kibo, die lange Zeit Unglauben in der westlichen Welt hervorgerufen hatten: Schnee am Äquator?

Wir wären bei dem Anblick und ob der Überwindung der Kies- und Feldstrecke vor Freude extatisch gewesen, hätten wir nicht in allen Gliedern eine unvorstellbare Erschöpfung gespürt, eine Gefühl, das rote Reservelämpchen Energie habe nach langem Blinken schon wieder aufgehört, Warnsignale zu senden. Daniel litt unter einer teils aus der Erschöpfung, teils aus der Höhenkrankheit resultierenden unglaublichen Übelkeit und versuchte nur, sich nicht zu übergeben (wobei es schon als Seltenheit gilt, wenn man keinen Teil des Gegessenen auf der Strecke verteilt!). Auβerdem wussten wir, dass noch weitere 1-2 Stunden Marsch und 200 Höhenmeter am Kragerrand auf uns warteten, um zum Uhuru Peak zu gelangen. Aber im Willen stark und und mit dem Wunsch, bis zum Gipfel zu steigen, fragten wir uns nicht, woher die Kraft für den Rückweg folgen sollte. Wir hatten von einigen Menschen, die wir während unseres Aufenthaltes in Tansania getroffen hatten, gehört, dass viele einfach nicht mehr in der Lage sind, einen Schritt vor den anderen zu setzen und den Weg von Gilman’s Point bis zum Uhuru Peak zurückzulegen. Jetzt können wir dies verstehen!


Währenddessen war der Blick nach unten göttlich! Die Sonne hatte begonnen, an den Rand des Horizonts zu schweben und nachdem sie uns eine unvorstellbares Farbenspektakel am Himmel beschert hatte, tauchte sie hinter einem langen, weiten, fast ewigen und so einheitlichen Wolkenteppich mehrere tausend Meter unter uns auf. Unglaublich schön!

Wir wollen Euch Details darüber ersparen, wie wir die folgenden zwei Stunden hinter uns gebracht haben. Zwei Schritte, stopp, 30 Sekunden Pause, zwei weitere Schritte. Es war wahrscheinlich das Meiste, das jeder von uns je mit reiner Bestimmtheit und bloβem Willen geleistet hat. Aber letztlich, fast wie ein Segen, waren irendwann nur noch ein paar letzte Schritte zu tun und WIR WAREN DA ! ! ! !

Uhuru Peak, der höchste Punkt Afrikas, das Dach des Kontinents, der höchste Berg, den man ohne technische Apparaturen erklimmen kann! Die ersten fünf Minuten waren wir zu erschöpft und emotional angespannt, um irgendetwas anderes zu tun, als uns einfach nur zu umarmen, Tränen, deren Herkunft nicht ganz klar war, zu vergiessen und zur gleichen Zeit zu versuchen zu atmen. Und dann schlug die Euphorie ein – wir hatten es GESCHAFFT! Wir umarmten uns mit Raymond und Bryson, gratulierten uns, hatten eine Tasse warmen Tee und versuchten einen Schluck Wasser zu uns zu nehmen. Am Durst mangelte es nicht. Aber schon eine halbe Stunde nach unserem Aufbruch war das dick in Baumwolltücher eingewickelte Wasser im Rucksack GEFROREN! Nun nahmen wir Fotos auf, vom Gipfel, den atemberaubenden Gletschern, auf denen sie die Sonne spiegelte und die durch einige Eisschichten tiefblau und türkis hindurch schien. Und dahinter war in der Ferne klar Mount Meru, der rund 100 km entfernte zweithöchste Berg des Landes zu sehen.Und dann war es Zeit, unseren Rückweg anzutreten. Wir hatten wirklich DIE letzten Energiereserven aufgewandt, um nach oben zu gelangen und hatten keinen Schimmer, wie es uns gelingen würde, wieder nach unten zu gelangen. Aber je tiefer wir kamen, desto mehr Sauerstoff fanden unsere Lungen und Muskeln auch. Das Wasser begann zu entfrieren und trinkbar zu werden und mit Luft und Wasser (und Schokolade für Richa – Daniel konnte sich mit dem Gedanken an feste Nahrung noch nicht ganz anfreunden) gelang es uns, bis zum Gilman’s Point zurück zu kommen. Von dort kletterten wir die Steine hinab und konnten den Kiespart hinunter fahren wie auf Skiern, ohne auf den Zikzak-Kurs der Nacht angewiesen zu sein. Im englischen Teil unseres Berichts ist ein Foto von Daniel, wie er den Kieshang in einer Wolke aus Kiesstaub hinunter gleitet.

Nur als kleiner Test, um zu sehen, ob überhaupt IRGENDJEMAND auβer unseren Eltern diesen Text liest, möchten wir jeden, der dies liest, bitten, uns eine Email zu schicken mit der Betreffzeile – Ich sehe Daniel den Kies hinunter Ski fahren. J

Endlich, drei Stunden später und genau zwölf Stunden nachdem wir von der Hütte zum Gipfel aufgebrochen waren, erreichten wir die Kibo Hütte wieder. Eine halbe Stunde SCHLAF und ein kurzes Mittagessen erfrischten uns wieder und mittlerweile waren alle Zeichen der Höhenkrankheit von uns gewichen und auch die extreme Erschöpfung hatte sich längst in normale Müdigkeit umgewandelt. So traten wir wenig später den notwendigen, strammen 3-Stunden-Marsch zurück zur Horombo Hütte an, wo wir unsere letzte Nacht auf dem Kilimandscharo verbrachten.

Insgesamt ware wir 15 Stunden gewandert, 8 hiervon schnurstraks nach oben und mit fast keiner Atemluft und endlich fand der Gipfeltag sein Ende. Ein dankenswert kurzes Abendessen, ein Treffen und Austausch mit Aurea und Xavi, die es zum Gipfel und zur Kibo-Hütte zurück in nur acht statt wie wir in zwölf Stunden geschafft hatten (!!), Gratulieren rechts und links zwischen den rund 40 Personen, mit denen wir die letzten Tage verbracht hatten und dann INS BETT !

TAG 6:

Abgesehen davon, dass unsere Muskeln erschöpft waren, war Tag 6 die reinste Erholung. Wir liefen rasch durch die alpinen Hügel und die Heidefelder zur Mandarahütte zurück, wo wir ein kurzes Mittagessen hatten und ein paar schöne, langhaarig schwarz-weiβe Colobus-Affen beobachteten, wanderten durch den verzauberten und verzaubernden Regenwald, diesmal in der Lage, viele Fotos aufzunehmen, worauf wir auf dem Hinweg verzichtet hatten, um nicht beim Gipfelfoto an Batterieschwäche zu leiden und schon waren wir zurück am Marangu-Tor, unserem Ausgangspunkt. Hier erhielten wir unsere ZERTIFIKATE (oh ja! Jeder hat ein echtes Zertifikat!) und fuhren mit unserer Crew in zwei Stunden zurück nach Arusha, zurück in den willkommenheissenden Komfort von Archies Haus, einer heiβen Dusche nach sechs Tagen, selbstgekochter Pasta, warmen Laken und Decken im groβen Doppelbett. All das war hervorragend und wäre noch viel schöner gewesen hätten wir nicht – oder zumindest für Richa trifft dies zu – an akuten Entzugssymptomen nach der Bergwelt gelitten, sich zurück sehnend nach der unglaublichen Ungemütlichkeit, dem Dreck, der Anstrengung und der atemberaubenden Schönheit des Kilimandscharo.

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